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Im Herbst, wenn die Bäume bunte Blätter weinen und die farbige, pulsierende Lebendigkeit des Sommers hinter uns liegt, gehen die Gedanken auf Wanderschaft. Zeit für Reflektion und Kontemplation. Eine feuchtschwere Stille senkt sich über den Garten. Alle Arbeit ruht, wir dürfen uns zurücklehnen und schauen. Wenn ich Blumenzwiebeln vergrabe, und es werden jedes Jahr auf wundersame Weise mehr, frage ich mich immer, wieviele Frühlinge ich noch erleben werde. Nicht, weil ich trübsinnig bin, sondern weil ich an die Blumenzwiebeln denke, die mich mit solcher Freude erfüllen. Erst beim Pflanzen und dann in der knisternden Behaglichkeit meines Wohnzimmers, wenn ich mich -Sehnsucht im Blick- am bunten, duftenden Blütenmeer in meinem Kopf labe, das mich hinüberträgt über die Zeit, die ich am wenigsten lieben kann, obwohl auch sie ihren Zauber, ihre Schönheit hat. Es muss an den Zwiebelblumen liegen, die mich mit unsinniger Hoffnung und Übermut erfüllen. Der Ausdruck „sich freuen wie ein Kind“ liegt mir auf der Zunge, aber Kinder freuen sich nicht mehr wie früher. Wer sich morgens beim Müsli mit dem ersten Mord und ab September mit Jingle Bells und Plastik-Santas an Hauswänden konfrontiert sieht, entwickelt ein anderes Verhältnis zu echter Freude. Ich aber freue mich immer wieder wie toll an den kleinen Geheimnissen und Schätzen von Natur und Garten. Trotzdem hat die Frage etwas leicht Morbides, und ich stelle sie mir zu keiner anderen Jahreszeit. Wieviele Sommer und Herbste werde ich noch erleben?  Aber vielleicht setze ich deshalb jeden Herbst eine stets wachsende, unvernünftige Menge von diesen rästelhaften, vielversprechenden Zwiebeln und Knollen, weil ich möchte, dass mein Frühling mit zunehmendem Alter spektakulärer wird? Vor kurzem las ich einen Spruch von Henry David Thoreau, der mir nicht aus dem Sinn geht: Die Mehrzahl der Menschen führt ein Leben in stiller Verzweiflung. Thoreau sagte das im 19. Jahrhundert, aber es ist aktuell wie eh und je. Den Grund sehe ich in der zunehmenden Entfernung und Entfremdung des Menschen von der Natur, die im dramatischsten Fall soweit geht, dass er sie als Feind und Gefahr ansieht. Unberührte Natur ist ohnehin selten geworden, ist sie richtig wild, begegnet man ihr mit Misstrauen und Angst. Sehen und Hören sind seltene Fähigkeiten geworden. Wir werden berieselt und eingelullt und abgestumpft. Selbst die Nachrichten werden uns mit Percussions eingebläut, damit wir ja keine Sekunde zur Besinnung kommen und uns langweilen. Stille ist out. Eine Freundin erzählte mir, ihr kanadischer Besuch habe abends zur Schlafenszeit ein Band aufgelegt, das Geräusche wider gibt. Die Stille könne er nicht ertragen, und zum Schlafen bräuchte er einen konstanten Lärmpegel. Bei Cathy von http://wordsandherbs.wordpress.com/ gab es vor einigen Wochen einen interessanten Beitrag zu diesem Thema. Ich hoffe, sie wird den Link mit uns teilen, wenn sie das liest. Hören, und ich meine richtig Hören, ist für viele keine Selbstverständlichkeit mehr. Lauscht man in die vermeintliche Stille gibt es jedoch viel zu hören. Hast du es je versucht? Selten ist die Stille geworden, in der man meint, taub zu sein. Da, wo ich wohne, mitten im Wald, ist es oft so still. Wohltuend wie eine kuschelige Decke senkt sich diese Stille auf uns. Keine Angst, keine Panik, nur Frieden macht sich breit. Manche fragen uns kopfschüttelnd, wie wir hier leben können? Wir schütteln den Kopf, weil wir wissen, dass jede Erklärung ins Nichts fallen würde. Die allgemeine Hetze und Angst, etwas zu versäumen, haben so sehr um sich gegriffen, dass viele nicht mehr verstehen können, wie befriedigend es ist, den Holzkorb zu füllen, damit das Haus warm wird, Eier bei den Hühnern zu holen oder einen Gemüsegarten zu bestellen. Nichts zu hören und im Garten zu arbeiten ist der letzte Luxus unserer Zeit. Im Wald begegnen uns manchmal Extrem-Mountainbiker, die mit stierem Blick die steilsten Hänge hinunter sausen, oder Coole mit knatternden Geländemotorrädern, moderne Marlborough-Cowboys. Keiner von ihnen kennt die faszinierenden Gerüche und Geräusche des Waldes, sieht den rosa Pilz am Wegesrand, den Baumläufer, der  die Rinde nach Insekten absucht oder hört das melancholische Zwitschern des Rotkehlchens. Kinder wissen nicht mehr, dass die Milch von der Kuh kommt. Eine vegetarische Freundin meinte kürzlich, man könne doch die Kühe einfach weiter melken, das mit dem Kalb sei doch nicht nötig. Einmal beobachtete ich Kinder, die mit Stöcken frisch gepflanzte Obstbäume schlugen bis die Rinde in Fetzen hing, während die Mutter stolz zusah. Ist ja super, wenn sich die Kinder selbst verwirklichen können. Die Natur weicht immer mehr vor uns zurück und ist nurmehr dort zu finden, wo man schlecht hinkommt oder es nichts zum Ausbeuten gibt. Würden wir Menschen nach ihrer Definition von Natur fragen – was wäre wohl die Antwort? Ich fürchte mich vor dieser mehr als unsere Besucher sich vor der Einsamkeit meines Waldes. Wie soll man schützen, was nicht wahr genommen und geschätzt wird? Wenn sich der Mensch von der Natur entfernt, ist er entwurzelt, deprimiert und unglücklich. Ich könnte ohne Garten und Natur nicht sein. Meine Gesundheit hängt davon ab, ich ziehe Kraft, Mut und Sinn aus beidem. Manches geht schief im Garten, aber nie bin ich deswegen betrübt oder enttäuscht. Nichts erfüllt mich mehr mit Zuversicht und Hoffnung. Ein Leben in stiller Verzweiflung? Das ist für jemanden, der den Kontakt zu seinen Wurzeln nicht verloren hat, kein Thema. Ups, ein halber Aufsatz – hoffe, ich habe euch nicht gelangweilt! 😉

In autumn, when the trees cry colourful leaves and the vibrant spirit of summer is only a memory, thoughts go on a ramble. Time for reflection and contemplation. A damp, heavy quietness settles on the garden. The work is done, we can sit back and watch. When I plant bulbs in the autumn, and there seem to be more and more each year, I always wonder how many more springtimes I will live to see. I don’t ask as a result of depression (I’m not a child of sadness!), but because I think of these bulbs that fill me with such happiness. First when I’m planting then later, when in the comfort of my armchair in front of the fire -longing in my eyes- they fill my head with fields of colour and scent and carry me through the season which I never came to love, although it has its beauty too. It must be the bulbs that fill me with wantonness and unreasonable hope. The expression „to be happy like a child“ comes to my mind but kids are not happy and innocent like they used to be. If you’re faced with the first murder during breakfast and with Jingle Bells and plastic Santas climbing ridiculously into chimneys  from September onwards how could you possibly hold on to that pure and carefree joy? As for myself, I find lots of happiness in the little treasures and secrets nature and garden hold for me. All the same, there’s something morbid about this question, and I admit that I never ask myself at other times of the year. How many summers or autumns will I live to see? No way. But maybe the reason for planting these crazy amounts of promising bulbs and corms lies in my hidden wish that the older I get the more spectacular spring ought to be. Recently I read a quote by Henry David Thoreau which follows me ever since: The mass of men lead lives of quiet desperation. Thoreau said this in the 19th century but it is still true. The reason for this lies in the continuous remoteness and alienation from nature which in its most dramatic case leads to people perceiving nature as an enemy or danger. Pristine nature has become rare and if it’s really wild, we meet it with fear and suspicion. Seeing and hearing have also become rare skills. We’re constantly exposed to noise, being lulled and deadened. Even the news are hammered into us to the sound of percussions so that there’s no risk of us coming to our senses or to be bored. Tranquility is out. A friend of mine told me about a visitor from Canada who switched on a tape each night at bedtime: She couldn’t bear the quiet, only with the constant noise was she able to sleep. Cathy at http://wordsandherbs.wordpress.com/ did a great post dealing with the subject of hearing a while ago, and I hope she will share the link once she reads this. To hear and I mean TO HEAR is by no means taken for granted anymore. There’s so much to hear when you listen to supposed quiet. Have you ever tried? The silence that makes you feel like you’re deaf has become rare. Where I live, in the middle of the woods, it can still happen. It descends like a comfortable blanket. No fear, no panic just peace. Some shake their heads asking how can you possibly live here? We shake our heads knowing that every explanation would fall into nothingness. The general rush and fear of missing out on something are so widespread that many cannot understand how satisfying it is to fill the basket with firewood to heat the house, to collect eggs from your hens and to tend the garden. To hear nothing and to work in the garden are today’s last luxuries. During our hikes we sometimes meet extreme mountainbikers rushing down steep slopes with fierce expression, or cool guys on rattling motorbikes, modern Marlborough-Cowboys. None of them knows the intriguing scents and sounds of the forest, sees the pink mushroom in the undergrowth, the tree creeper searching the bark for insects or hears the melancholic song of the robin. Kids don’t know anymore that milk comes from cows. A vegetarian friend of mine suggested recently that one could keep milking cows without letting them have calves. Once I watched children beating newly planted fruit trees with sticks until the bark had come off while their mother watched them proudly. Great to see kids fullfilling themselves. Nature is retreating more and more and can only be found where access is hard or impossible or where there’s nothing to exploit. Would we ask men their definition of nature – what would the answer be? I fear the answer a lot more than visitors the solitude of my wood. Why should men protect something they’re not aware of and don’t see, never mind appreciate? When man moves away from nature,  he looses his roots, becomes depressed and unhappy. I could never be without my garden and nature, my sanity depends on them. I draw energy, courage and meaning out of them. Okay, some things don’t work out in the garden but I’m never disappointed and depressed. Still nothing fills me with more hope and optimism. A life of quiet desperation? That’ll never be an issue for someone who hasn’t lost touch with his/her roots. Ups, quite an essay…hope I haven’t bored you! 😉

Zum Abschied ein paar „Augenbonbons“ (danke an die Autorin Patricia Koelle http://meerschreibfrau.wordpress.com/ für diese Wortschöpfung, die seither zu meinem Repertoire zählt) – habt eine gute Woche!

As a farewell some „Augenbonbons“, translated something like „sweets for the eyes“ or „optical treats“ (thanks to writer Patricia Koelle http://meerschreibfrau.wordpress.com/ for this word creation, which is part of my repertoire ever since) – have a great week!

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