Den Sommer über turnte er ungeniert durch Rosen- und Clematisranken, schwang sich an Lianen von Mauer zu Mauer. Wir beobachteten ihn: Mein Mann mit amüsiertem Wohlwollen, ich zurückhaltend. „Ist er nicht putzig?“ fragte mein Mann, worauf ich ihn nur wortlos ansah. Und tatsächlich war er süss, wie er kopfüber neben einem Büschel Rosenblüten hing, den Kopf leicht schräg gelegt und uns beim Abendessen auf der Terrasse zusah. Seine kleinen Knopfaugen funkelten im Kerzenlicht, und wenn er uns genug betrachtet und seine Schlüsse gezogen hatte, packte er sich eine Liane und zog weiter, als wäre ihm ein Termin in den Sinn gekommen, den er nicht versäumen durfte. Ich trank einen Schluck von meinem Wein und warf G. (=mein Mann) einen Blick zu. „Tarzan muss sterben“, stellte ich fest. Nach einigen Wochen hatte er jegliche Scheu verloren, und da wir praktisch auf du waren, lag es nahe, ihn zu taufen. Nein, er trägt kein Fellröckchen, aber er ist ein Meister der Lüfte, und bestimmt wartet irgendwo im Labyrinth unserer Hauswand abends eine Jane mit dem Essen auf ihn. „Aber nein, Schatz, er ist Junggeselle“, liess G. im Brustton der Überzeugung verlauten. Schau ihn doch an, das ist doch offensichtlich. Aha. Aus geschlitzten Augen musterte ich Tarzan und fragte mich, woran man seinen Junggesellenstatus erkennen mochte? Wirkte er zufriedener? Gelassener? Zugegeben, er war eine total graue Maus, blassgrau, fast anämisch – die graueste Maus, die mir je unterkam. Ob er deshalb keine abbekommen hatte? Meine Mutter sagte immer: Kein Topf ist zu krumm, es findet sich immer ein Deckel. Ob das auch auf die Partnersuche in der Welt der Mäuse zutrifft? Wie dem auch sei. Den ganzen Sommer setzte ich meine Hoffnungen auf Esmeralda, unsere Hausschlange, die stets dieselbe Runde an der Hauswand drehte, wohl aber nie zeitgleich, denn Tarzan entkam. Ich war mächtig enttäuscht von ihr. Nun schläft Esmeralda den Schlaf der Gerechten -oder Bestochenen?- wer weiss. Vielleicht haben sie einen Deal? Und Tarzan arbeitet unter den Dachziegeln, schliesslich ist es zu kalt für das Leben im Freien. Er kratzt, er nagt, er knabbert. Schlicht: Er freut sich des Lebens und bester Gesundheit. Zu Mahlzeiten wird er manchmal so rabiat, dass es uns nicht wundert, wenn er demnächst den Kopf durch die Decke streckt und uns beim Essen zuschaut. Unter dem Motto: Sorry, hat ’ne Weile gedauert bis ich euch fand, aber wir wollen doch alte Gewohnheiten nicht vernachlässigen. So verbringe ich meine Mittagspause mit dem Sandwich in der Hand auf dem Dachfirst liegend, im beissenden Rauch des Kamins, und lausche auf sein Treiben, um dann auf die Ziegel zu klopfen und ihn zu beschimpfen. Kürzlich beobachtete mich meine Nachbarin mit offenem Mund und verwirrtem Ausdruck bei dieser Aktion. Ich winkte betont fröhlich, worauf sie sich hastig davon machte. Nachts springe ich wie von der Tarantel gestochen auf und klatsche, wenig damenhafte Ausdrücke rufend, an die Decke. Ich hab genug! Ich will schlafen! Das alles nur, weil G. auf dem Pazifisten-Trip ist. Ein Nebeneffekt des Älterwerdens. Cave! Menschen und Mäuse passen eben nicht zueinander, basta. Trotz allem hat G. noch immer eine Schwäche für Tarzan, aber ich möchte nicht zuwarten, ob sich die Junggesellen-Theorie bewahrheitet. Eine Maus kann pro Jahr bis zu acht Würfe mit je 3-8 Jungen haben. Man muss kein Rechenkönig sein, um sich auszumalen, was das bedeutet. Es kommt der Moment im Leben oder in einer Ehe, in dem die weibliche Weisheit überwiegt. Oder der Überlebenssinn? Nun male ich Schilder, die im Garten verteilt werden, damit alle wissen, worauf sie sich einlassen: Keine Gnade! Letzte Stelle zur Umkehr! In der Hoffnung, dass Tarzan, Rudolf und wie sie alle heissen die Konsequenzen ziehen. Falls ihr in der Zwischenzeit eine bessere Idee habt, lasst es mich wissen. Wie immer belohne ich gute Tipps mit Tee und Kuchen in meinem Gartencafé. 🙂

All summer long he blatantly climbed through my roses and clematis and moved from wall to wall with lianas. We watched him: my husband with amused goodwill, me rather circumspect. „Isn’t he sweet?“ asked my husband, and surely he looked cute when he hang upside down next to a bunch of roses, his head slightly tilted to one side, and watched us eating on the terrace. His shiny, beady eyes were twinkling in the candlelight, and when he had seen enough and drawn his conclusions, he took his liana and went off as if he had remembered a rendezvous which he couldn’t delay. I sipped some wine and shot a glance at G. (=my husband). „Tarzan has to die“, I determined matter-of-factly. After a few weeks he had lost all shyness, and as he seemed to have become part of our lives, we called him Tarzan for obvious reasons.  No, he doesn’t wear a loincloth, but he is a master of the air and most certainly has a Jane waiting for him with his dinner somewhere in the labyrinth of our house wall. „Oh no, darling, he is a bachelor“, said G. with utter conviction. Look at him, it’s really quite obvious. I looked at Tarzan through slitted eyes and wondered how one could possibly establish his bachelor status? Did he seem more satisfied? Happier? More relaxed? Well, he was a totally grey mouse, almost anaemic – the greyest mouse I’ve ever come across. But would his looks keep him from finding himself a wife? My mom always said, there’s no pot too crooked, there’ll always be a lid for it. Does this also apply for dating in the world of mice? Whatever. All summer long I had confidence in Esmeralda, our house snake, which we often spotted doing the same tour along the house wall, obviously though never at the same time, because they didn’t meet and Tarzan got away. I can’t tell you how much she disappointed me. Now she enjoys the sleep of the just -or of the bribee?- who can tell? Maybe they made a deal. And Tarzan is busily working underneath the roof tiles, because it’s too cold to live outside. He scratches, he nibbles, he gnaws. In short, he enjoys life and a splendid health. When we have supper, he works himself into a frenzy and we wouldn’t be at all surprised if he’d stick his little face through the ceiling one day soon. He’d probably say something like „Hi folks, took me a while to catch up with you but we won’t let the old times die, sure we won’t“. These days I spend my lunch break on the roof, sandwich in my hand, trying to avoid the pungent smoke of the chimney and listen to his every move before hitting the tiles and shouting abuse. The other day our neighbour watched me with a confused expression, her mouth wide open. I waved cheerfully but she turned and left in a panic. During the night I jump as if stung by an adder and hit the ceiling, shouting very unlady like words. I have enough! I want to sleep! It’s all down to G. being on a pacifist trip. Side effect of getting older. Beware! Men and mice are incompatible, full stop. In spite of all this, G. still has a weak spot for Tarzan but I don’t want to wait and see whether his bachelor theory is proving wrong or right. A mouse can have up to 8 litters with 3-8 babies every year. You don’t have to be an arithmetic champion to get an idea of what this means. There comes a moment in life or marriage when female wisdom starts to predominate. Or is it the will to survive? Presently I’m painting signs which will be put up all over the garden, so that they all know what they’re getting themselves into: No Mercy! Point of last and then of no return! Still got some hope that Tarzan, Rudolf and whatever their names are will get the message eventually. In the meantime, if one of you comes up with a better idea, let me know. As always I shall reward good advice with tea and cake in my garden café. 🙂

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