Mainau im Frühling

Der Rasen ist eine heikle Sache. Vor allem Männer haben oft ein Faible für ihn, sind gar besessen (mein Mann ist eine glückliche Ausnahme) und schreiben sich auf ihre Fahne: smaragdgrüner, makelloser Teppich, und wehe, es traut sich ein Kraut rein, was hier nichts verloren hat… Am Anfang meines Gärtnerlebens, ich gestehe es schamhaft, habe auch ich Stunden, nein Tage mit Vertikutieren, Aerifizieren und dergleichen zugebracht. Bis zum Umfallen! Es hört sich wie Sado-Maso an? Genau so ist es und -meines Erachtens- ist es nicht mehr zeitgemäss! War es das jemals? Das Geld für Unkrautvertilger und Dünger kann man wesentlich klüger investieren (z.B. in Pflanzen und Gartenbücher). In der Zeit, in der ich mühevoll das Moos bekämpft und unschuldige Löwenzähner ausgestochen habe (mea culpa), hätte ich die dollsten Beete à la Oudolf anlegen oder Wildkräuter-Rezepte ausprobieren können. Nur fehlte mir danach einfach die Kraft. Schlapp hing ich mit schmerzendem Rücken in den Polstern, zu schwach selbst zum Träumen. In unserem irischen Garten triumphierte das Moos sowieso und schlug sich selbstherrlich auf die Schultern, als ich mich spät abends -nach der Rasenkur- gebeugt davon machte. Zu jener Zeit träumte ich von einem Garten in Japan, wo Moos nicht als Staatsfeind betrachtet und gekillt sondern angebetet wird! In unserem Schweizer Berggarten wollte ich mir das nicht mehr antun (schliesslich wird man weise…oder sollte es zumindest werden). Dennoch mussten wir Rasen neu säen, und es sieht einfach nicht okay aus, wenn sich frech Wegerich und Löwenzahn breit machen. Das liegt aber nicht an ihnen per se, sondern an den Saatgutmischungen, die sich puristisch zeigen. Voilà, so fand ich mich nach kurzer Zeit wieder auf den Knien und entfernte die rosettenbildenden Wildkräuter…dabei hätte ich in der Zeit viel besseres tun können. Nun, in meinem neuen Garten, sieht die Sache ganz anders aus: Der Rasen ist voller Wildkräuter und ein Traum! Vor einigen Tagen mähte ich zum ersten Mal den wilden Rasen und fuhr in trunkenen Schlangenlinien, um die herzigen Gänseblümchen, Schlüsselblumen, Günsel, Margeriten & Co. zu verschonen. Zum Glück haben wir keine Nachbarn, sonst hätte es gleich geheissen, ich habe wohl den Apéro zu früh genossen :).

IMG_7996  Ist’s das Alter oder die ersehnte Weisheit, keine Ahnung. Ich habe ein entspannteres Verhältnis zum Garten und geniesse meine Wildblümchen. Erst jetzt las ich in Gardens Illustrated, dass die Liebe zum naturalistischen Garten mit dem Alter einher geht. Ob das stimmt? Im Obstgarten haben wir viele Orchideen und Wildblumen aller Art. Letzten Herbst pflanzte ich dort eine unanständige Menge Blumenzwiebeln (der Anblick der Rechnung verursacht mir heute noch Schwindel), vor allem Narzissen und Camassia. Bis zur Mahd im Juli mähe ich geschwungene Wege durch das hohe Gras, so können sich alle Blumen versamen oder Kraft schöpfen für das nächste Jahr (Zwiebelblumen). Ich habe keinerlei Stress und nur Freude, wenn ich täglich meine Runden drehe, dem Summen der Insekten zuhöre und die Schmetterlinge beobachte, die freudig von Blüte zu Blüte torkeln…ein Rasen ohne irgendwelche Blüten (oder „Unkräuter“) ist wenig verlockend für sie, und wenn ich es recht überlege, auch nicht für mich. IMG_8204Mein nächstes Projekt ist das Auswildern von Tulpen im Obstgarten (die roten Tulpen im Bild habe ich auf der Mainau aufgenommen) – ich finde das wunderschön, ihr nicht?

The lawn is a delicate subject. Usually men have a weak spot for lawns or rather an obsession with it (I’m glad to say my husband is an happy exception), and so they strive after the perfect, neat and emerald green carpet and woe betide the poor wildflower that dares to take up residence…At the beginning of my life as a gardener, I admit rather shamefacedly, I spent long hours, even days thatching, spiking the lawn…until I was ready to drop. Sounds like sadomasochism? That’s what it is and it’s not appropriate any longer. Was it ever? The money for weedkiller and fertiliser can be invested much more cleverly (e.g. more plants, more garden books). During the time spent on fighting the moss and pulling out innocent dandelions (mea culpa), I could have made the most wonderful borders à la Oudolf or tasty dishes with dandelions et al. I was just lacking energy afterwards. I was sitting in my armchair, back’s hurting, even too weak to dream. Anyway, moss triumphed every time in our Irish garden. In those days I dreamt of having a garden in Japan where moss is not considered an enemy of the state and killed but cherished! Then,  when we made our Swiss garden, I swore this wouldn’t happen again (eventually we all get wiser or should do). But we had to make a lawn and it just didn’t look right when plantain and dandelion started to make themselves at home. It’s not their fault but the fault of the seed mixtures being on a purist trip. Before too long I  found myself back on my knees removing the rosette-forming so called weeds…when I could have done much more interesting things. Now, in my new garden things are different: The lawn is full of wildflowers and I love it! A couple of days ago I mowed my wild lawn for the first time and swerved about to avoid all these cute daisies, cowslip primulas, ox-eye daisies and common bugle. Just as well we don’t have neighbours otherwise they’d have thought I had an early sundowner :). Is it old age or wisdom, I don’t know. Only yesterday I read in Gardens Illustrated that a love of naturalized gardens may be a symptom of age. Is that so? I have a rather relaxed relationship with my garden and I’m thoroughly enjoying my wildflowers. In the orchard we have masses of orchids and wildflowers of all sorts. Last autumn I planted an indecent amount of bulbs (the invoice is still making me dizzy), mostly narcissi and camassia. Up to July when we cut the grass I only mow meandering paths, thus allowing the flowers to seed or bulbs to build up nutrients for next year. No more stress, only joy when I go for my daily stroll, listening to the humming of the insects and watching the butterflies flittering happily from flower to flower. A lawn without any flowers isn’t a bit tempting for them, and come to think of it, neither for me. My next project is naturalizing tulips in the orchard (the pic with the red tulips was taken on Mainau in Lake Konstanz) – I think this looks pretty stunning, doesn’t it?

14 thoughts

  1. Schon beim Lesen Deines „Liebesbriefes an einen natürlichen Rasen“ kommt man ins Träumen und möchte gerne Käfer oder Schmetterling auf einer solchen Wiese sein! Lass Dich von allem, was da kreucht und fleucht umschwärmen, genieße es! Wir genießen Deine Artikel!
    Deine Gisela + Karl

    1. Danke für die lieben Worte und die treuen Besuche, Gisela, wenn du ganz lieb bist, wirst du vielleicht als Schmetterling wieder geboren…und das hoffentlich bei einem Bio-Gärtner! Liebe Grüsse an euch zwei, Annette

  2. So wahr! Ich finde diese Wiesen sind nicht nur „Bienen – sondern auch eine Augenweide“, viel schöner als der „Teppich“. Allerdings wollen wir bei uns im Staudengarten das wenige Grün ringsherum relativ kurz halten, damit die Staudenbeete besser zur Geltung kommen.Im hinteren Nutzgarten haben wir einen Streifen „Sommerwiese“ gesät. In diesem Bereich finden sich seit Jahren Himmelsschlüssel und später dann auch Veilchen. Sobald der Regen nachlässt, werden wir wieder die Kamera zum Einsatz bringen. Ein Kompliment für deinen Artikel und die schönen Aufnahmen!
    Liebe Grüße
    Sabine

    1. Hallo Sabine, klar, man kann das Gras um Staudenbeete herum nicht wild wachsen lassen. Mache ich auch nicht, aber wichtig sind eben auch Bereiche, wo das Gras mal stehen bleiben kann, und dass der Rasen nicht nur Gras beherbergt, sondern auch Klee, Gänseblümchen ect. ihren Platz dort haben. Adieu Moos- und Unkrautvertilger, willkommen Vielfalt! 🙂 Freu mich jetzt schon auf mehr Fotos von euch! Lieben Gruss, Annette

  3. Nee, das hat doch mit Alter nix zu tun! 🙂 Ich bin 38 und genau das ist mein Traum: Ein wilder, natürlicher Garten! 🙂 Ich hab ja hier einen spießigen Stadtgarten an meiner Mietswohnung übernommen letztes Jahr. Bin jetzt mit der Umgestaltung beschäftigt. Gar nicht so einfach, alles wieder natürlicher zu bekommen!
    Hast Du noch Tipps für die Blumenwiese? Ich habe hier nämlich auch einen doofen Rasen mit viel Moos. Keine Ahnung, ob ich da überhaupt Wildblumen drauf „züchten“ kann!? – Hatte schon überlegt, Sand drüberzukippen…
    Was würdest Du machen? Geht das überhaupt? Bin für Tipps sehr, sehr dankbar!

    1. Hallo LinaLuna, vielen Dank für deinen Besuch in meinem Garten – freut mich! Das mit dem Alter war mit einem Augenzwinkern gemeint 😉 …bin auch noch nicht so alt. Kannst du mir noch etwas mehr zu deinem Garten sagen, z.B. Bodentyp, Lichtverhältnisse? Die Auswahl der Bepflanzung hängt davon ab. Also mit dem Sand erstmal abwarten, lieben Gruss

      1. Also, um meinen Garten stehen Häuser und Bäume drumrum, deshalb bekommt er leider nicht allzu üppig Sonne ab, nur vielleicht 2-3 Stunden am Tag direkt.
        Deshalb wächst wahrscheinlich im Moment auch noch so viel Moos auf dem Rasen.
        Der Boden ist sehr gesund und humosreich. 🙂 Es gibt hier viele fette Regenwürmer! 🙂

      2. Wenn der Boden gut ist und der Standort eher schattig, ist es nicht so einfach mit der Blumenwiese. Ich würde ihn auf keinen Fall abmagern, sondern eine Art Woodland en miniature machen: ein schöner Zierstrauch als Solist, vielleicht auch zwei -je nach Platz- und diesen mit zauberhaften Stauden und Gräsern bepflanzen, die sich dort wohlfühlen, z.B. Helleborus, Millium effusum, Astrantia, Epimedium, Farne, Tiarella, Meconopsis cambrica, Hosta, Akelei, Omphalodes etc. dazwischen Zwiebelblumen et voilà, fertig ist das luftigleichte Refugium für Tier und Mensch.

  4. So mach ich es schon lange. Ich liebe die moosigen Stellen und mähe um die Wildkräuter herum, bis sie nicht mehr blühen und wieder Luft brauchen. Und mein Mann – der bringt von unterwegs Pusteblumen mit und pustet sie auf den „Rasen“ 🙂

  5. Ganz meine Meinung ! Viele Rückenbeschwerden blieben einem erspart, wenn man (und vor allem Mann, denn es sind tatsächlich häufig die Männer, die einen „Englischen Rasen“ haben wollen) ein entspannteres Verhältnis zum Rasen bekäme. Leider gelingt es mir nicht immer, das meinen Kunden zu vermitteln, und so heißt es im Frühling: Vertikutieren, vertikutieren, vertikutieren…

    Viele Grüße, KatjaK

    1. Hallo Katja, danke für deinen Besuch in meinem Garten – freut mich. Ich habe mit dem Rasen auch eine steile Lernkurve hinter mir und versuche stets, anderen eine Abkürzung zu vermitteln 😉 Wir müssen in unserem Job eben auch ein wenig Missionarsarbeit leisten, gell. Frohes Gärtnern!

  6. I love this post and I love what you’re doing! It reminds me of the days when I rented a house in Texas, the land of cattle and open prairies filled with wildflowers. How could I mow them all down!? So I did the same as you and cut the lawn carefully weaving around clumps of alliums, oenothera, winecups and bluebells. I did have neighbors and I suspect they did think it a bit odd, but I was completely pleased.
    I’m looking forward to spending the winter months going through more of your archived posts, thanks!

    1. You’ve been digging deeper – thanks, Frank, I’m glad you’ve enjoyed this one. Writing it all down meant a lot to me, simply because in the beginning I used to be one of these poor lawn slaves too. But life is there to learn 😉

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